Lebenslinien

Überall auf der Welt finden sich Geschichten, zu denen beim Erzählen gezeichnet (oder besser: gekritzelt) wird, meist einfach nur Striche, Kreise oder Punkte. Daraus ergibt sich am Ende ein Bild, manchmal überraschend, aber oft  ‚zeichnet es sich schon ab‘.

Drawing Stories heißen sie auf Englisch, ritsagor auf Schwedisch – im Deutschen fehlt dafür ein passendes Wort. Kritzelgeschichten? Erzählzeichnen?  Verwandt erscheinen sie den Sandzeichnungen australischer Ureinwohner oder dem knifing der Indianer von der nordamerikanischen Pazifikküste. Aber während es dort meist um elementare Stoffe geht (s. Post – THE WORLD OF STORY-TELLING), kommen einem die Geschichten hier oft eher banal vor: Ein Mann hört nachts einen Lärm, macht sich auf die Suche nach dessen Ursprung, stürzt in eine Grube, klettert raus, stürzt in die nächste – und so weiter. Schließlich kehrt er erschöpft nach Hause zurück. Bei Tageslicht übersieht er seine Wegspur und stellt fest, dass … sich daraus ein Storch geformt hat.
Der Schriftstellerin Tanja (=Karen) Blixen ist dieser Storch schon in ihrer Kindheit begegnet, und er hat sie tief beeindruckt. Sie schreibt dazu:

Ich bin froh, dass man mir diese Geschichte erzählt hat, und will in der Stunde der Not an sie denken. … Die Enge, in der ich stecke, das dunkle Loch, in dem ich liege – zu welcher Vogelkralle mag das wohl gehören? Was werden die anderen sehen, wenn die Zeichnung meines Le­bens fertig ist?

Ist das noch banal zu nennen? Reframing heißt so ein sinnbildender Rück- und Überblick im therapeutischen Prozess. Wir haben uns daran gemacht, Ausschau nach diesen Geschichten zu halten, geeignete zu sammeln und zu bearbeiten, manchmal zu reparieren und z.T. neu zu fassen. Ein paar kleine Zwischen-Spiele sind so enstanden, vielleicht Neuzugänge für unsere Theater-Speisekarte, auf jeden Fall können sie in ihrer Einfachheit Anstöße bieten, selbst einen Stift zur Hand zu nehmen und Lebenslinien zu kritzeln.

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