Die Kleinste Bühne der Welt Hedwig Rost & Jörg Baesecke

Aktuelles/Blog

Geheimnis-Verrat

Als unser Buch herauskam, meinten einige Freunde besorgt: „Jetzt verratet ihr ja all eure Geheimnisse!“ – Nun, alles haben wir damals natürlich nicht verraten. Außerdem wussten wir, dass manche der im Buch beschriebenen Dinge, auch wenn sie auf der Hand zu liegen scheinen, doch nicht im Handumdrehen getan sind. Eines aber war uns bewusst: Jetzt geben wir die Geschichten frei. Wir wollten dazu einladen, auch selbst einmal Ähnliches auszuprobieren. Wir fanden die Zeit reif, etwas von den eigenen Erfahrungen weiterzugeben. Angst vor Nachahmern haben wir bis heute nicht.

11 Jahre und eine Neuauflage später tauchen viele der damaligen Fragen wieder auf. So haben wir im Lauf unserer Arbeit viel über Papier gelernt, über das Material, über Schneidewerkzeuge und Klebstoffe, und das nicht nur bühnenbezogen, sondern durchaus auch alltagspraktisch. Ein Tages-Kursus in München „A3, A4 – alles aus Papier!“ schuf nun ein Forum, andere davon profitieren zu lassen. Die Skepsis am Anfang („In den Faschingsferien? Da sind doch alle zum Ski-Fahren!“) wurde gründlich widerlegt: Ausgebucht zwei Wochen nach der Veröffentlichung, also ein zweiter Termin am gleichen Wochenende, ebenfalls schnell ausgebucht, mit Warteliste. ‚Das einfachste Pop-Up der Welt‘, Heften ohne Heftklammer, ein selbstverschließender Briefumschlag, das 2-Wochen-Notizbuch, ein leicht zu bauendes Papiertheater, der Knallteufel, eine Geheimtinte aus dem Wasserhahn, Überraschungsbilder, Papiermechaniken … und all die kleinen Berufsgeheimnisse rund ums Schneiden und Kleben, die anderen vielleicht nervtötende Umwege ersparen können, kamen da auf den Tisch. Aber Verrat? Nie und nimmer. Verrat fühlt sich anders an.

Verraten und Weitergeben – im Griechischen ist das ein und dasselbe Wort. Über das Weitergeben als Glücksfaktor ist an anderer Stelle hier schon etwas veröffentlicht worden. Auch wenn das letzte Blatt hoffentlich noch in weiter Ferne liegt – angesichts eigener Endlichkeit ist es wirklich sinnstiftend und beglückend, etwas von diesem Wissen mitizuteilen, von diesen Schätzen zu teilen. Freuen wir uns auf einen nächsten Kurs!

Geschaffen. Geschafft!

Wie die Welt auf die Welt kam – die Neu-Inszenierung unseres Programms mit Schöpfungsgeschichten ist fertig. Weiter unten ist von den Herausforderungen zu lesen, vor die wir uns gestellt sahen, transport- und lichttechnisch wie auch künstlerisch. Mit der – geglückten – Premiere liegt das nun alles hinter uns. Und jetzt, aber wirklich erst jetzt, können wir sagen, dass der Neuanfang, zu dem wir gezwungen waren, das Ganze noch einmal ein gutes Stück vorangebracht hat.

Entstehen – Vergehen

Wie die Welt auf die Welt kam  entsteht gerade neu, als mobile Produktion. Wir haben versucht, dafür noch einmal ganz unbefangen auf all die Schöpfungsgeschichten zu schauen: War uns da vielleicht bisher etwas entgangen?

Die meisten Weltentstehungsmythen erzählen natürlich von Anfängen. Manchmal, aber nicht immer, ist da ein planvoll handelnder Schöpfer tätig. Manchmal folgt aber auch nur ein Ereignis auf das nächste – die Schöpfung vollzieht sich einfach, ein Plan oder eine schöpferische Hand ist dabei nicht erkennbar. Fragen lässt sich hier wie dort, ob die Schöpfung eigentlich fertig, die Gegenwart also ein endgültiger Zustand ist – oder ob der Schaffensprozess noch fortdauert.

Tatsächlich klingt in einigen Geschichten an, dass die Welt irgendwann auch wieder vergehen könnte. Manchmal hat der Schöpfer die Welt nach vollbrachtem Werk verlassen, sie seinen Geschöpfen übergeben. Was ihnen, was uns ja einige Verantwortung auferlegt. Wer heutzutage den Eindruck gewinnt, dass die Menscheit im Begriff ist, sich abzuschaffen, kann da schon ins Grübeln geraten. Eines haben alle diese Geschichten gemeinsam: Sie führen uns die Kostbarkeit der Welt vor Augen, für deren Erhalt sich einzutreten lohnt. Vielleicht trägt auch unser kleines Stück dazu bei – wir würden uns freuen.

Museums-

Reife?

 

Kürzlich wurden wir gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, unsere kleine Kofferbühne einem Museum zu überlassen. – Zunächst erschien es ja kaum vorstellbar, uns von diesem Schätzchen zu trennen: Schließlich hat uns die Kleine Bühne wirklich von Anfang an und über so viele Jahre hinweg begleitet. 30 kleine Stücke haben wir für diesen Mikro-Kosmos inszeniert, in zwei großen Produktionen spielte sie mit, sie ist unser Wahr- und Markenzeichen. Andererseits: Wir haben seit Jahren nichts Neues mit der Kleinen Bühne angefangen, uns vielmehr (und nicht ohne Erfolg) in ganz andere Richtungen entwickelt. Und auch die alten Stücke zuletzt eher selten gespielt. So kommt die Frage zu einem Zeitpunkt, wo wir ohnehin viel mit Zukunft beschäftigt sind: Wie kommt das Neue in die Welt?  Auch indem etwas Altes geht und Platz freigibt. Was möchten wir auf der Bühne wie im Leben noch verwirklichen? Einiges, und auch wenn noch nichts entschieden ist: Im Grunde sind wir dankbar für diesen Denkanstoß.

Spielzeit 2017 – 2018

  • Unser wichtigstes Vorhaben ist im Moment die Neubearbeitung von Wie die Welt auf die Welt kam – Schöpfungsgeschichten aus 5 Kontinenten. Das Programm ist dann ab Januar 2018 buchbar.
  • Unser neues HeimSpiel  (nicht zuletzt auch ein Beitrag zum Thema Leitkultur!) ist jetzt auch schul-mobil einsatzbereit. Ab 3.Klasse sowie als Familienprogramm.
  • Die StadtTorHeiten – Sagen aus dem alten München sind ab sofort nur noch direkt bei uns buchbar.
  • Wie heißt es so schön? Damit etwas Neues kommen kann, muss etwas Altes gehen. Wir werden uns nach diesem Sommer von 2 oder 3 Programmen trennen. Dafür ist schon Neues in Vorbereitung!

Der Schwertmeister

Ein neues kleines Stück ist fertig, nach einem japanischen Stoff: Es geht um einen unbesiegbaren Schwertmeister, einen Samurai, der einem Zweikampf lieber ausweicht, als seinen Gegner zu töten – auf die Gefahr hin, dann als Feigling zu gelten. Eine Rittergeschichte, wenn man so will.

Aber was heißt ‚kleines Stück‘?  Ein Leporello aus geschnittenen Bildern, insgesamt 4,80 Meter lang, untermalt die Handlung. Es ist Minutentheater, aber wirklich hintergründig:  Japan in a nut-shell, ganz Japan in einer Nußschale – ließe sich über diese Geschichte sagen.

DAUMENKINO

Das erste Theater – war das nicht für so viele Kinder ‚Das ist der Daumen, der schüttelt die Pflaumen …‘? In unserem HeimSpiel  kommt das Obsternte-Drama zur Sprache, als eines von vielen Kinderzimmer-Echos, und in einer kleinen Veröffentlichung wird es ebenfalls gewürdigt.

Aber was passiert, wenn jemand alle Pflaumen ganz allein gegessen hat, wie könnte die Geschichte weitergehen? Wir haben uns eine Fortsetzung ausgedacht, und daraus entwickelten sich dann fünf kurze und genretypische Film-Stories: ein Krimi, ein Western, ein Liebesfilm, ein Science-Fiction-Stück und ein Horrorstreifen. Alles wohlgemerkt nach dem Muster der bekannten Fingerverse.

Im HeimSpiel war dann aber leider kein Platz für diese kleinen Texte. Doch sollten wir sie wirklich ganz aus der Hand legen? Im Sommer 2017 ergab sich die Gelegenheit, das alles einmal auf die Bühne zu bringen – bei einem Straßentheaterfestival. Das Publikum saß sozuzsagen im Multiplex-Kino und hatte die Wahl zwischen den 5 Filmgattungen. Meinungsbildung, Abstimmung, Stimmauszählung, dann die Vorführung – das hat wirklich Spaß gemacht! Es wäre ja schön, wenn sich wieder einmal eine Gelegenheit dazu ergäbe! Sonst: Einfach fragen, das Spielmaterial ist ja immer zur Hand.

Seestücke

Am Anfang war das Meer, auch auf unserer kleinen Kofferbühne: Robinson Crusoe mit einer Untertasse als Insel, einer Tasse als Schiff, und der Fischer und der Dämon, ein Märchen aus 1001 Nacht – das waren vor 35 Jahren unsere ersten beiden Stücke. Dann kam gleich der Rote Freibeuter mit einem Papierschiffchen, später der Fliegende Holländer im gleichen Bühnenbild. Das kleine Schiff hat uns dann durch viele Produktionen begleitet, manchmal auch ganz versteckt, fast wie ein Glücksbringer.

Das Meer aber blieb unerschöpflich: Alles verloren – nach Imre Kertesz, und Cola Fisch, ein Märchen aus Sizilien – siehe unser ALBUM. Die Meererin – eine Ballade aus der Gottschee – steht in unserem Buch. Die Mühle am Meeresgrund, die bis auf den heutigen Tag irgendwo in der Tiefe der See  Salz mahlt. Die 4 Entdeckungsreisen, von denen wir in KOLUMBUS NACHFAHREN erzählt haben – darüber demnächst mehr im Archiv. Und natürlich: das Urmeer so vieler Schöpfungsgeschichten. Dann der junge Mann, der Magie lernen will, in einen Suppenkessel stürzt und sich plötzlich auf hoher See wiederfindet. Die strenge Kapitänin Holmberg, die verfügt hat, an Land begraben zu werden – und deren Leichnam nun im Schnapsfass bis zum Heimathafen transportiert werden muss. Eine Geschichte  aus dem 2.Weltkrieg, von Wasserbomben im Eismeer und gefrorenen Fischen, erzählt in Papier.Krieg. Nicht zu vergessen Deukalion und Pyrrha – nach Ovid: Die ganze Erde versinkt in einer Sintflut, und nur zwei Menschen überleben.

So kam das Meer immer wieder auf unsere Bühne; im Rückblick erscheint das fast wie ein roter Faden – oder eher wie ein blaues Band. Und in der Vorausschau? Wir haben noch einiges vor mit unserem Theater, aber eine Idee aus unseren Anfängen beginnt langsam Gestalt anzunehmen: Shakespeares Sturm, sozusagen als Alterswerk. Als Spiel mit der Einbildungskraft. Mit dem Stoff, aus dem die Träume sind. Und vielleicht noch einmal mit einem Papierschiffchen? Wer weiß.

Auf in neue Welten!

26.Juni 2017 – unsere letzte Aufführung an der SCHAUBURG am Elisabethplatz:  Wie die Welt auf die Welt kam. Zum Trost ein Abschiedsgeschenk von unserer geschätzten Münchner Kollegin Katharina Ritter – ein grüner Planet!

Alles umsonst!

Bengodi – Coquaigne/Cockaigne – Luilekkerland – Schlaraffenland:  Der Traum von einem Land, in dem dir alles zufliegt und zufließt, was du zum Leben brauchst, findet sich auf der ganzen Welt. Arbeit – überflüssig zu sagen – gibt es dort nicht, ist sogar verboten. Bezahlt wirst du fürs Gähnen, fürs Schlafen, aber eigentlich bekommst du alles Lebensnotwendige auch ohne Geld: Die Speisen hängen an den Bäumen, wachsen aus der Erde oder fliegen dir gleich in den Mund, und was du trinken möchtest, sprudelt aus Brunnen, strömt in Bächen und Flüssen an dir vorbei oder liegt dir gleich als ganzer See zu Füßen. Nicht nur Milch und Honig, auch Bier, Wein und Champagner.Tagträume  einer Zeit, einer Gesellschaft, in der jeder beständig zur Arbeit genötigt ist, um sein Überleben zu sichern? Ganz bestimmt, aber die dichtenden Träumer gehen oft noch weiter: In diesem Utopia ist nicht nur die Arbeit verboten, sondern auch eigenständiges Denken und gute Umgangsformen. Es gibt eine Pflicht zur Faulheit, und wer dagegen verstößt,  „Alles umsonst!“ weiterlesen