Die Kleinste Bühne der Welt Hedwig Rost & Jörg Baesecke

Aktuelles/Blog

Durststrecken

Eingeladen zu einem kleinen Kindertheaterfestival in Luxemburg. Vorher täglicher Kontakt mit dem Gesundheitsamt, 46 Stunden Aufenthalt sind ohne Auflagen erlaubt, also nächtliche Ausreise und Heimfahrt, Gefühl: gerade noch geschafft, vor Toresschluss.

Während unserer 2.Aufführung plötzlich Feueralarm! Alle verlassen den Saal, wir auch, mit Geige und den wichtigsten Requisiten. Schnell stellt sich heraus: In einem anderen Saal hat Bühnennebel die Rauchmelder ausgelöst. Alle warten nun, bis die Feuerwehr kommt, im Freien und mit Abstand. Zeit, die gerade begonnene Geschichte von der ‚Reise um die Erde‘ (ein Märchen der Inuit) fortzusetzen und abzuschließen. Als kleine Zugabe gint es noch eine traditionelle Fadenfigur: ein Kamel das durch die Wüste läuft, von der rechten zur linken Hand, auf dem Bild (Foto: Lynn Theisen) vielleicht nicht gleich zu erkennen:

Dann erscheint die Feuerwehr, und dagegen kommt kein Theater mehr an. Aber das Kamel hat sein Ziel noch erreicht, die Durststrecke überwunden, offenbar mit ausreichend Vorrat im Höcker. Hoffen wir, dass auch unsere Kräfte und Vorräte ausreichen, um die aktuelle Durchstrecke zu überstehen! Wir und alle Kolleginnen und Kollegen.

Spielzeit 2020 / 2021

NEU : MOND

 

Ja, wir spielen wieder. Aber wie und was? Mit den aktuellen Abstandsvorschriften stellen sich für ein Miniaturtheater ganz eigene Fragen, etwa: Welche Form ist auch auf Entfernung gut erkennbar? Ein Kreis. Daraus folgen? Sonne und Mond, ganz genau! Und so ist nun ein neues Stückchen fertiggeworden, ein erster kleiner Schritt getan – die Geschichte vom Mond und seiner Mutter, aufgezeichnet vor 2000 Jahren von dem griechischen Autor Plutarch: Die Mutter des Mondes verzweifelt an der Aufgabe, ihrem Sohn ein passendes Gewand zu nähen, denn dieser wechselt ständig seine Gestalt. Gespielt wird mit einem großen Hexaflexagon, einem Papierobjekt, das fortlaufend gefaltet immer neue Bildoberflächen zeigt, drei insgesamt.

Eine vierte, die Neumond-Phase, liegt im Dunkel. Noch, denn bei uns sind  gerade weitere Mondgeschichten im Entstehen, auch komplexere. Vergänglichkeit, Sterblichkeit und Neugeburt – es sind große Themen, die in den überlieferten Erzählungen anklingen. Und die auch Hoffnung wecken, dass ‚es’ weitergeht, irgendwie. „Spielzeit 2020 / 2021“ weiterlesen

Geht’s noch?

Nach 4 Monaten Corona-Pause endlich der erste Auftritt, und ich frage mich vorher ernsthaft, ob das Spielen noch geht. Ich wähle großformatige Stücke aus, die bis in die letzte Reihe gut zu sichtbar sind, 20 Meter von der Bühne entfernt, und wegen der Abstandsregelungen sitzen die Zuschauer einzeln und weit im Saal verteilt.

Nein, die Hände wissen noch, was sie zu tun haben. Alles ist gut zu hören und zu sehen, das ist nicht das Problem. Aber dass die Zuschauer Masken tragen, erschwert das Spiel. Bei verdeckter Mundpartie bekommen ihre Blicke etwas Starrendes, auch etwas Abschätzendes. Oder interpretiert der Spieler da etwas hinein? Einmal mehr wird der dialogische Charakter der Erzählkunst deutlich: Der Erzähler braucht den Blíck in die Gesichter, braucht die sichtbare Reaktion seiner Zuhörer!

Umgekehrt gibt es das Sonnenbrillen-Experiment: Versuchen Sie doch einmal, einem Kind eine Geschichte zu erzählen oder vorzulesen – mit einer (womöglich verspiegelten) Sonnenbrille vor den Augen. Es wird sich zeigen, dass auch Ihr Gegenüber Ihr Gesicht sehen will. – Nach Betreten der Bühne durfte ich die Maske übrigens abnehmen, immerhin. Das war jedes Mal wie ‚Vorhang auf‘ und abschließend wieder wie ‚Vorhang zu‘. Nur eben – die Gesichter zum Applaus hätte ich gern gesehen.

Punkt 12

12 Filme:  Wir haben seit Ende März 2020 jede Woche einen kurzen Film mit Stücken aus unserem Repertoire produziert, einen persönlichen zeitbezogenen Kommentar dazu aufgezeichnet und dann alles auf unsere Seite gestellt – gedacht als kleine Soforthilfe in schwierigen Zeiten. Die Diskussionen über Streaming haben wir genau verfolgt und uns gefragt, ob es vertretbar ist, umsonst Inhalte anzubieten, für die Nutzer normalerweise Gagen oder Eintritte bezahlen würden. Für einen definierten Zweck und einen begrenzten Zeritraum finden wir das nach wie vor richtig.

Soforthllfe:  Tatsächlich waren viele Besucher bereit, ‚Eintritt‘ zu zahlen. Etliche haben darüber hinaus auch gespendet – und tun es immer noch. Dafür ganz herzlichen Dank! Besonders danken möchten wir Bayern liest e.V.  für die großzügige Förderung gleich mehrerer kleiner Filme! – Umgekehrt hat eine ganze Reihe Lehrer im Online-Unterricht mit unseren Filmen arbeiten können, die Videos wurden in einem Kommentar sogar als ’systemrelevant‘ bezeichnet. Das alles hat uns bis jetzt gut durch die Corona- Monate gebracht.

Unsere LICHTBLICKE-Reihe  umfasst 12 Filme – mehr dazu hier. Jetzt, wo ein großer Teil der sozialen Beschränkungen aufgehoben ist, machen wir eine Punkt und nehmen die Filme aus dem Netz – bis auf den ersten von der „Großen Pest in München“. Sollte sich die Situation wieder zuspitzen, setzen wir die Reihe nach Möglichkeit fort.

Alle 12 LICHTBLICKE-Filme gibt es ab sofort als DVD, für 20 Euro (incl. Versand in Deutschland) – zu bestellen hier.

Lichtblicke

Informationen zu den Filmen, die wir im Frühjahr und Sommer 2020 im Corona-Modus gemacht haben, finden sich jetzt hier herzlich willkommen!

Gegen die Angst

„Wenn wir die Angst überwinden, dann besiegen wir vielleicht auch die Pest!“ – Diese Worte haben wir einem Münchner Schäfflermeister in den Mund gelegt, in unserem Stück von der Großen Pest in München, und daran versuchen wir uns jetzt selbst zu halten, so gut es geht. Die Geschichte ist im vorigen Beitrag Quarantäne  kurz erzählt, das Stück selbst war im Rahmen der StadtTorHeiten‘ nahezu 800mal in München zu sehen.

Im Film:  Nun haben wir es bei uns daheim aufgenommen, mit Versprechern, Wacklern, Licht- und Tonschwankungen, ohne professionelles Equipment und ohne Zuschauer. Wir stellen die Aufzeichnung hier auf unsere Seite – unseren Besuchern zur Ermutigung, vielleicht zur Freude. Und in der Hoffnung, dass wir bei aller aktuell gebotenen Distanz doch in Kontakt bleiben und in nicht zu ferner Zukunft wieder vor echtem Publikum spielen können.

Wir sind dankbar für die vielen Kommentare und Zuschriften! Etliche Besucher haben nach unserer Konto-Nummer gefragt: IBAN DE17 2001 0020 0726 4042 00 – BiC PBNKDEFF – Rost/Baesecke.  Aber bitte – fühlt euch frei! Wer den Link auf den Film verbreiten möchte – gern! Wenn die Geschichte anderen über den Tag oder die Stunde hilft, hat sie ihren Zweck erfüllt. – Vielen Dank auch an Bayern liest e.V. für all die gewährte Unterstützung bei diesem Projekt!

Quarantäne

Wer in München lebt, begegnet früher oder später den Schäfflern: Alle 7 Jahre tanzen sie vielerorts in der Stadt, zuletzt Anfang 2019. Und jeden Tag stehen hunderte Zuschauer auf dem Marienplatz, um den Schäfflertanz im Glockenspiel des Rathausturms zu verfolgen. Münchens populärstes Figurentheater!

Anfang des 16. Jahrhunderts, so berichtet es die Sage, sind die Schäffler (also die Fassmacher, Küfer, Böttcher) tanzend durch die Stadt gezogen und haben so die Macht der Pest gebrochen, die zuvor ein Drittel der Münchner Bevölkerung ausgelöscht hatte. Alle Bürger hatten sich in ihren Häusern eingeschlossen, aber der Tanz lockte sie wieder ins Freie und spendete neuen Lebensmut. Die Pest, so heißt es, war besiegt, und seither findet in  München alle 7 Jahre zur Erinnerung der Schäfflertanz statt.

„Ich muss jetzt oft an die Schäffler denken!“ – Das hören wir im Moment sehr häufig. Alle sind aufgerufen zu sozialer Distanz, und das ist auch sicher richtig. Für uns fallen zur Zeit eine Menge Auftritte aus, ersatzlos. Und Home Office ist in unserem Beruf nur eine sehr begrenzte Option.

Wie also den Lebensmut bewahren? Und womöglich verbreiten helfen? Zu unseren StadtTorHeiten  gehört auch die Geschichte vom Schäfflertanz. Wir können sie uns jetzt nur selbst erzählen. Oder damit ins Freie gehen, sobald das zu verantworten ist? Hoffen wir also, dass sich die dunkle Wolke über der Stadt bald auflöst!

Es funkt!

War das zu erwarten? Unser kleiner Koffer, 1981 aus dem Sperrmüll in Hamburg-St.Georg gezogen und dann zu einem Theater umgebaut, findet nun einen Platz im Münchner Stadtmuseum, in der Sammlung ‚Puppentheater und Schaustellerei‘. Die Abschiedsvorstellung – bzw. fürs Museum die Willkommensvorstellung – war im Nu ausverkauft, ebenso die für den Folgetag anberaumte Zuzsatzaufführung. Ab dem 10.Februar 2020 wird das gute Stück in der Vitrine stehen – mit dem Bühnenbild des allerersten Stücks ‚Robinson Crusoe‘, das im Monitor daneben auch als Film gezeigt wird.

Für die beiden letzten Vorstellungen hatten wir ein Programm aus unseren Anfängen zusammengestellt, alles Stücke, die zwischen 1983 und 1988 noch in Hamburg entstanden sind. Darunter ‚Der Junge, der sich beim Tod Brot lieh‘, nach einem schwedischen Märchen – eines unserer liebsten Stücke. Wegen der Feuermelder im Museum mussten wir auf das kleine Wunderkerzen-Feuerwerk am Ende verzichten – stattdessen gab es nur ein Silhouettenbild. Die Funken sind trotzdem übergesprungen – es war eine bewegende Stunde, in vielerlei Hinsicht. Der Abschied von dem kleinen Koffer weckt durchaus Wehmut, trotzdem fühlt es sich irgendwie stimmig an, und die Übergabe fiel uns leichter als erwartet. Weil es ja weitergeht, mit anderen Stücken, mit anderen Mitteln, mit alten und mit neuen Freunden. Weil es, so hoffen wir, immer noch funkt.

Hausbesuch

Im Rahmen einer Sendung über Märchen hat der Bayrische Rundfunk ein kleines Porträt über uns und unsere Arbeit ausgestrahlt, innerhalb der Sendereihe ‚Stationen‘. Zu sehen sind Aufnahmen von einem Bühnenauftritt, einem der letzten, in dem das kleine Koffertheater mitspielt:  ‚Märchen aus dem Koffer‘ .

Vor allem aber gewährt der Beitrag Einblicke in unsere vier Wände, zeigt uns als Familie, bei der Recherche, beim Proben und in der Reflektion über unsere Geschichten.

Willkommen bei uns im Isartal!

Inzwischenzeit

Eines der beiden ersten Stücke für unseren kleinen Bühnenkoffer war Robinson Crusoe, sehr frei nach Daniel Defoe und dargeboten in 5 Minuten. Mehr als 35 Jahre später haben wir die Kurz-Robinsonade neu inszeniert. Die Mittel sind die gleichen geblieben wie damals: eine Untertasse als einsame Insel, die Tasse dazu als Kreuzfahrtschiff, eine Handvoll bunter Stifte als Passagiere.

Was uns an dem alten Stück nicht mehr gefiel, war der Text. Lang, umständlich, ungeformt, und daran konnten wir deutlich sehen, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Vor allem aber – was wir damals als komisch empfanden, mochten wir heute kaum noch in den Mund nehmen. Und: Es war eine Geschichte für nur einen Sprecher, wie alle unseren ersten Stücke. Wir haben also alles neu getextet und eine Duo-Fassung entwickelt – und zwar für einen Film. Es ist ja so – die kleine Bühne kommt im Februar 2020 ins Münchner Stadtmuseum, mit der Robinson-Szenerie, und neben der Vitrine wird dann dieser Film gezeigt.

Zum Umzug ins Museum erschien ein umfangreicher Artikel im Münchner Merkur, der hier nachzulesen ist, ein Rückblick auf die inzwischen zurückgelegte Zeit. Und wie es weitergeht, steht dann z.B. hier.