Die Kleinste Bühne der Welt Hedwig Rost & Jörg Baesecke

Aktuelles/Blog

Es funkt!

War das zu erwarten? Unser kleiner Koffer, 1981 aus dem Sperrmüll in Hamburg-St.Georg gezogen und dann zu einem Theater umgebaut, findet nun einen Platz im Münchner Stadtmuseum, in der Sammlung ‚Puppentheater und Schaustellerei‘. Die Abschiedsvorstellung – bzw. fürs Museum die Willkommensvorstellung – war im Nu ausverkauft, ebenso die für den Folgetag anberaumte Zuzsatzaufführung. Ab dem 10.Februar 2020 wird das gute Stück in der Vitrine stehen – mit dem Bühnenbild des allerersten Stücks ‚Robinson Crusoe‘, das im Monitor daneben auch als Film gezeigt wird.

Für die beiden letzten Vorstellungen hatten wir ein Programm aus unseren Anfängen zusammengestellt, alles Stücke, die zwischen 1983 und 1988 noch in Hamburg entstanden sind. Darunter ‚Der Junge, der sich beim Tod Brot lieh‘, nach einem schwedischen Märchen – eines unserer liebsten Stücke. Wegen der Feuermelder im Museum mussten wir auf das kleine Wunderkerzen-Feuerwerk am Ende verzichten – stattdessen gab es nur ein Silhouettenbild. Die Funken sind trotzdem übergesprungen – es war eine bewegende Stunde, in vielerlei Hinsicht. Der Abschied von dem kleinen Koffer weckt durchaus Wehmut, trotzdem fühlt es sich irgendwie stimmig an, und die Übergabe fiel uns leichter als erwartet. Weil es ja weitergeht, mit anderen Stücken, mit anderen Mitteln, mit alten und mit neuen Freunden. Weil es, so hoffen wir, immer noch funkt.

Hausbesuch

Im Rahmen einer Sendung über Märchen hat der Bayrische Rundfunk ein kleines Porträt über uns und unsere Arbeit ausgestrahlt, innerhalb der Sendereihe ‚Stationen‘. Zu sehen sind Aufnahmen von einem Bühnenauftritt, einem der letzten, in dem das kleine Koffertheater mitspielt:  ‚Märchen aus dem Koffer‘  

Vor allem aber gewährt der Beitrag Einblicke in unsere vier Wände, zeigt uns als Familie, bei der Recherche, beim Proben und in der Reflektion über unsere Geschichten.

Willkommen bei uns im Isartal!

Inzwischenzeit

Eines der beiden ersten Stücke für unseren kleinen Bühnenkoffer war Robinson Crusoe, sehr frei nach Daniel Defoe und dargeboten in 5 Minuten. Mehr als 35 Jahre später haben wir die Kurz-Robinsonade neu inszeniert. Die Mittel sind die gleichen geblieben wie damals: eine Untertasse als einsame Insel, die Tasse dazu als Kreuzfahrtschiff, eine Handvoll bunter Stifte als Passagiere.

Was uns an dem alten Stück nicht mehr gefiel, war der Text. Lang, umständlich, ungeformt, und daran konnten wir deutlich sehen, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Vor allem aber – was wir damals als komisch empfanden, mochten wir heute kaum noch in den Mund nehmen. Und: Es war eine Geschichte für nur einen Sprecher, wie alle unseren ersten Stücke. Wir haben also alles neu getextet und eine Duo-Fassung entwickelt – und zwar für einen Film. Es ist ja so – die kleine Bühne kommt im Februar 2020 ins Münchner Stadtmuseum, mit der Robinson-Szenerie, und neben der Vitrine wird dann dieser Film gezeigt.

Zum Umzug ins Museum erschien ein umfangreicher Artikel im Münchner Merkur, der hier nachzulesen ist, ein Rückblick auf die inzwischen zurückgelegte Zeit. Und wie es weitergeht, steht dann z.B. hier.

Kleinholz

Wer schon einmal Feuer gemacht hat, und sei es im Kamin, der weiß: Ohne Kleinholz geht es nicht. Unsere Minutenstückchen nennen wir manchmal so, aber auch sie erfüllen ihren Zweck, z.B. beim Theater am Tisch, ‚Petrus und Marilyn Monroe‘, ‚Verfluchte Karibik‘ oder z.B. ‚Gebet um Geld‘ heißen diese kurzen Geschichten, oft nah am Witz und im Handumdrehen aus dem Ärmel gezaubert.

Eine Drittklässlerin aus der Münchner Farinelli-Schule schenkt mir ein kleines Papier-Objekt, einen Hasen, der mit den Ohren wackelt, wenn man an den Vorderpfoten zieht – ganz einfach zu falten. Ein halbes Jahr später ist daraus ein Adler geworden, der eine Maus bei lebendigem Leib verschlingt und davonschwebt. Und dann …

Die Geschichte von Adler und Maus habe ich ebenfalls in einer Grundschule aufgeschnappt, ein Witz, keine hohe Literatur, aber Teil einer lebendigen Überlieferung; Faltung wie Geschichte leben und schweben nun weiter.

Charkow / Charkiv

Was wissen wir über unser Reiseziel? Fragen, Klischees, Halbinformationen begleiten uns auf der Reise nach Charkow/Charkiv, in den Osten der Ukraine: Wie weit ist es bis zu den Kriegsgebieten (ca. 250 km), wie nah zur russischen Grenze (ca. 35 km), wie ukrainisch sieht sich eine mehrheitlich russisch sprechende Stadt? Und wie wird ein Gastspiel in deutscher Sprache aufgenommen?

Wir kommen in eine ansehnliche und auch sehenswerte Metropole, es gibt viele schöne Häuser und Straßenzüge im Zentrum, interessante Bauten, fast mehr SUVs als in München, und kaum jemand ist ohne Smartphone unterwegs. Alles klappt, alles funktioniert, alle Klischees bleiben auf der Strecke. Wir haben zwei Auftritte in Schulen, ja, auf Deutsch, vor 15/16-jährigen, wir können uns verständigen und sehen kaum einen Unterschied zu gleichaltrigen Schülern hier, höchstens, dass es weniger kunstzerrissene Hosen gibt, aber das mag andere Gründe haben.

„Vor 5 Jahren sah es hier noch ganz anders aus“ – so erfahren wir, und wir dürfen staunen, was sich in diesem Land seither getan hat, nach Auflösung der Sowjetunion, Welt-Finanzkrise und Bürgerkrieg (der ja immer noch andauert). „Leb wohl, Vergangenheit!“ – so heißt es auf einem Wandbild von ‚Hamlet‘, dem ‚Charkower Banksy‘. Und man sieht, wie lang der Schatten der jüngeren Geschichte hier dargestellt ist. Auch Patriotismus begegnet uns, aber möglicherweise braucht es den, um Krisen zu überstehen? Und eliminatorisch scheint er hier nicht zu sein. Wir kommen zuletzt durch Viertel, die noch längst nicht so schmuck sind wie die Innenstadt, wir erfahren, dass etwa eine Viertelmillion (!) Bürgerkriegsflüchtlinge in Charkow/Charkiv Aufnahme gefunden hat. Drei Tage sind zu kurz, um hinter Oberflächen zu schauen; wir genießen die Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wird, und auch die Normalität hier, denn so exotisch wie erwartet ist es bei Weitem nicht: Wir sind in Europa. Und als dann nach Landung in München gleich die erste S-Bahn ausfällt, fühlen wir uns schnell wieder zuhause.

Advent, Advent

„Weihnachten muss man üben, sonst klappt es nie!“   Diesen Satz legt  Alexander Kluge in einem seiner Filme dem Titelhelden, dem Starken Ferdinand, in den Mund. Und so werden dann bei ihm im Hochsommer die Vorhänge zugezogen, Kerzen angezündet und eine Probe-Bescherung inszeniert.

Bei uns ist ein kleines (Vor-)Weihnachtsprogramm fertig geworden, mit Hedwig Rost, für Kinder ab 6 Jahren, aber die meisten Stücke daraus lassen sich auch für Erwachsene spielen:

DIE ZEIT STEHT STILL – Fünf Wundermärchen zur Vorweihnachtszeit

Und das, wo wir gerade mit Hitze und sommerlichen Gewittern zu tun haben! Aber wenn die Weihnachtszeit wirklich bevorsteht, ist meist keine Zeit für eine Neu-Produktion. Also lieber jetzt, natürlich in der Hoffnung, dass diese kleinen und stimmungsvollen Stücke dann auch den Weg zu allen finden, die sich in diesen oft als besonders hektisch beklagten Wochen eine kleine Auszeit gönnen möchten.

Hofserenade

Es gibt Dinge und Wesen, die erst im Zwielicht in Erscheinung treten, im Übergang vom Tag zur Nacht – Schemen, Schatten, Traumgestalten. Viele Geschichten nehmen hier ihren Anfang: Rätselhaft und geheimnisvoll weisen sie über die Grenzen unserer Wahrnehmung hinaus.

Hedwig Rost spricht, singt und geigt, mal berührend, mal augenzwinkernd, mit Fingern, dem ganzen Körper, mit Papier, Seidenbildern und einer Laterne.

In einem versteckten Münchner Hinterhof in der Au waren an diesem Abend acht solcher Geschichten zu erleben – Mythen und Märchen, Sagen und Balladen. Weil es doch ziemlich kühl war, fand alles in einem kleinen stimmungsvollen Saal gleich daneben statt. Und das war auch gut, denn überraschenderweise waren so viele Besucher gekommen, dass sie im Freien kaum Platz gefunden hätten. Ein ermutigendes Zeichen für uns – diese kleinen Experimente mit Nicht-Theater-Räumen weiter fortzusetzen.

Herzschlagfinale

Im Juli 2018 hatte Jörg Baesecke seinen Poetry-Slam-Einstand außerhalb aller Wertung, also noch nicht im Wettbewerb. Dafür war die Zeit erst im Mai 2019 reif: Bei der (monatlichen) Kiezmeisterschaft  im Münchner Westend belegte er auf Anhieb den ersten Platz, mit zwei Texten über Wohnungssuchen in München.

Im Juli trafen dann beim Highlander‘ alle Monatssieger der vergangenen Saison zusammen. Jörg trug diesmal einen Text über Gartenparty-Smalltalk in sogenannten besseren Kreisen vor. Und kam auf den 2.Platz; den Sieg hat er an diesem Abend nur denkbar knapp verpasst – das Publikumsvotum (nach Applauslautstärke) erbrachte auch im dritten Anlauf kein eindeutiges Ergebnis. Also musste die Jury noch einmal herhalten.

Ein schöner Abend. Der Sieger – Max Osswald – verteilt am Ende sein Preisgeld. Dass Konkurrenz und Kollegialität zusammengehen können, ist wirklich etwas besonderes. Und macht Lust auf mehr!

Neues pro-bieren

Ein Projekt mit Münchner Grundschulkindern: 3 Stadtsagen in einer kleinen Papiertheater-Inszenierung, aus Anlass des Jubiläums 100 Jahre Freistaat Bayern. Etwas ähnliches hatten wir 2008 unternommen, zum Münchner Stadtgründungsfest.

Diesmal waren 15 Kinder beteiligt, aus allen Altersstufen, also von der 1. bis zur 4. Klasse, eine Woche lang. Nun ist es ja so: Das Kamishibai, das japanische Bilder-Papiertheater, kommt im Grunde mit einem einzelnen Erzähler aus. Also stellte sich die Frage: Wie lassen sich möglichst viele Akteure am Spiel beteiligen, ohne dass es den Fokus auf die kleine Bühne abschwächt?

Wir haben dem Kamishibai Flügel verliehen: zwei zusätzliche Spieler rechts, zwei Spieler links, jeweils mit Bildermappen – und immer bezogen auf die Bühne in der Mitte. Sie reagieren und interagieren mit dem Geschehen dort, sie vergrößern die Geschichte, sie erweitern den Fokus und geben ihn dann wieder ans Zentrum zurück. Außerdem wechselt bei jedem der kurzen Stücke die Besetzung. Bei einem waren sogar acht Kinder beteiligt – da wurde z.B. mit einer Kanone ins Bild hineingeschossen und dann die Bahn der Kugel gezeigt. Treffer! Wobei nicht zuletzt die Silhouettenschnitte zur Wirkung – und zum Gelingen des Projekts – beitrugen.

TRAUMSPUREN

Ein König träumt, er kommt zurück von der Jagd – und findet am Schlosstor einen Fuchsschwanz angenagelt. Das Tor öffnet sich, und er steht vor einer Tür, an der wieder ein Fuchsschwanz hängt. Und so geht es weiter, Tür für Tür.

Niemand vermag diesen Traum zu deuten, so hoch die Belohnung auch ist, die der König verspricht. Schließlich wagt sich ein Hirte an diese Aufgabe; auf dem Weg zur Königsstadt muss er durch ein einsames Bergtal, und dort begegnet er einer Schlange, die bereit ist, ihm die Bedeutung dieses Traums zu verraten …

Eine lange und motivreiche Geschichte schließt sich an, die zunächst wie ein ganz klassisches Märchen anmutet – um dann plötzlich in ein überraschendes Ende umzuschlagen. Ein Ende, das den Hirten und auch uns Zuhörer mit wirklich existenziellen Fragen konfrontiert.

Über die Arbeit an diesem Stoff war bereits weiter unten (>> Zeit.Geist) etwas zu lesen. Nach einem Vierteljahr war das Konzept fertig, der Bau des Bühnenbuchs dauerte noch einmal zwei Monate; Ende Mai 2019 ist das Stück zum ersten Mal gezeigt worden.