Die Kleinste Bühne der Welt Hedwig Rost & Jörg Baesecke

Aktuelles/Blog

Spielzeit 2026/2027 …

Vor gut einem Jahr haben wir hier über einen unserer Tournee-Koffer nachgedacht – ob eine Neuanschaffung lohnt, ob eine Reparatur angebracht ist oder ob er so lange weiter in Benutzung bleibt, bis er auseinanderfällt. Wir haben uns für die Reparatur entschieden, und zwar nicht nur behelfsmäßig,  sondern wirklich solide. Also Haltbarkeit auch über die nun beginnende Spielzeit hinaus. Die Punkte hinter den Jahreszahlen in der Überschrift deuten es an: Wir schauen weiter. An unserer eigenen Haltbarkeit arbeiten wir ja schließlich auch. Wir haben Freude an unseren Auftritten und ziehen Kraft auch aus dem Gefühl, da etwas Sinnvolles und Sinngebendes tun zu können.

Also keine Frage: Wir nutzen die Zeit, wir spielen weiter.  (September 2026)

ODYSSEUS ?

Ein griechischer Fürst  kehrt zurück vom Kampf um Troja – er war einer der Krieger aus dem hölzernen Pferd. Seine Heimreise gestaltet sich dramatisch: Sturm, Seenot – und verfolgt vom Zorn des Meeresgottes. Er ist seelisch tief verletzt von all dem Blutvergießen, das er miterlebt und mit angerichtet hat. Sehnsüchtig erwartet wird er von seinem Sohn, findet aber auch zuhause keine Ruhe …  Nein, nicht von Odysseus ist hier die Rede, sondern von Idomeneo, dem Titelhelden einer großen Mozart-Oper. Vieles, was die aktuelle Odyssee-Verfilmung zeigt, bestimmt auch Mozarts Werk. Gab es da bei uns vor zwei Jahren sowas wie eine Vorahnung? Für unsere Bearbeitung des Stoffs haben wir versucht, uns mit den Schattenseiten des Heldentums zu beschäftigen und so gut es ging in antikes Denken hineinzuversetzen. Eine Herausforderung, das dann auch in 20 Minuten auf die Bühne zu bringen! Bei den Diskussionen um die Film-Odyssee klingelt es uns jedenfalls immer wieder in den Ohren. (August 2026)

48 SEKUNDEN

Berlin-Neukölln gilt ja allgemein als hartes Pflaster. – Anfang Juli findet dort jedes Jahr ein großes Kulturereignis statt – 48 Stunden Neukölln : Ausstellungen, Konzerte, Performances … eine Unmenge von Angeboten, über den ganzen Stadtbezirk verteilt. Und wir waren diesmal dabei, genauer: Jörg und unsere Tocher Clara.

48 Sekunden Neukölln  hieß unser Beitrag – acht Kunst-Stückchen unter einer Minute. Paper-Poetry, Finger-Theater, Daumen-Kino, ein Musikstück auf dem Cello, visualisierte Verse, eine kecke Schöpfungs-Mythe … leicht und heiter das meiste, freundlich und zugewandt. Das Pflaster erwies sich plötzlich als halb so hart; gut 60 Menschen haben fröhlich mitgerätselt, unaufgefordert mitgesungen und hatten sichtlich Freude an unseren kleinen Aufführungen. Und wir sahen unsere Vorurteile einmal mehr in Frage gestellt. (Juli 2026)

Ohne Fleiss …

h-Pr-k-e-n-ei-ss-s? – Im Herbst 2025 ist uns der Kulturpreis des Landkreises München zuerkannt worden. Nun fand die tatsächliche und feierliche Übergabe statt. Gebeten um eine kleine Aufführung haben wir bei diesem Anlass die Geschichte vom Schwertmeister gezeigt: Ein berühmter Samurai weicht dem Kampf mit einem sicher unterlegenen, aber um so wichtigtuerischeren Gegner aus, auf die Gefahr hin, selbst als Feigling zu gelten. Seine Meisterschaft beweist er auch dadurch, dass er die eigene Überlegenheit gerade nicht ausspielt. – Das Stück ist kurz, es entfaltet sich aus einem Buch, ehrt die leisen Töne und stellt Großmäuligkeit ins Abseits. Insofern – wie Hedwig bei der Präsentation anmerkte – ist es vielleicht typisch für uns.

Wobei wir uns manchmal fragen, ob wir in all den Jahren nicht auch mal etwas großmäuliger hätten auftreten sollen. Hätten wir uns auf diese Weise mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung verschafft? Auch wenn wir uns wirklich freuen – es ist ein später Preis geworden. Ohne Fleiß – kein Preis – weiß das alte Kinder-Spielzeug. Nun, fleißig waren wir durchaus, vor allem aber waren wir beharrlich, was bei kreativen Prozessen mindest genaus so wichtig ist. Wenn der Fluss einmal stockt, hilft auch kein Fleiß, da sind eher Geduld und Zuversicht gefragt. Und was die PR angeht: Zum Kleinformat passen die leiseren Töne einfach besser. Und das kleine Format passt wohl auch besser zu uns. Vielleicht, dass wir auch dieser Stimmigkeit jetzt den Preis verdanken? (April 2026)

Unterm Sternenzelt

‚Romanze zur Nacht‘ heißt ein Gedicht von Georg Trakl (1887-1914), klassisch gereimt, sprachgewaltig und bilderreich. Wir haben vor Jahren versucht, es fürs Theater zu bearbeiten. In Zusammenarbeit mit der Illustratorin Hildegard ‚Hilla‘ Rost, einer Cousine von Hedwig, entstand daraus eines unserer Bühnen-Bilder-Bücher. Was sich auch anbot, denn der Text besteht aus einer Abfolge von unverbundenen Einzelsituationen, und jede sollte ein Blatt für sich allein bekommen. Das Gedicht reiht Einsamkeiten aneinander, und das Buch bedeutet Verbindung, Verbundenheit.. Lange ruhte es dann in der Schublade, weil sich der dunkle Stoff nur schwer in andere Programme einfügen ließ. Jetzt unternehmen wir einen neuen Anlauf – wir sprechen den Text und zeigen die Blätter zu zweit, wir verlangsamen das Gedicht, um seine wie auch unsere Bilder besser zur Wirkung zu bringen. Und sehen zu, dass es dabei möglichst ‚dicht‘ und intensiv bleibt. Das Gedicht jedenfalls ist alle Mühe wert. (Januar 2026)

Im Licht

Auf einmal – geht ein Scheinwerfer an, und Du stehst im Licht. Für kurze Zeit bist Du sichtbar und wahrnehmbar.

Wir haben für 2025 den Kulturpreis des Landkreises München bekommen, den Hauptpreis, ganz unverhofft. Unverhofft, weil wir hier in der Region oft eher am Rand agieren. Auftritte in Schulen, für kleinere Institutionen und Vereine, künstlerische Interventionen in kirchlichen Räumen oder unsere Radl-Kino-Aktionen machen einen großen Teil unserer Arbeit aus – und wir freuen uns, dass auch das nun eine Würdigung erfährt. Unser Tun bewegt sich ja irgendwo zwischen Figurentheater und Geschichten-Erzählen und ist für jemanden, der es nicht erlebt hat, möglicherweise schwer vorstellbar. Vielleicht vermag eine Auszeichnung da Neugierde zu wecken.

Ein Scheinwerfer – und auch ein herbstliches Licht: Wir stehen seit 42 Jahren zusammen auf der Bühne, und natürlich fragen wir uns immer wieder, wie lange wir noch arbeiten wollen. Und können. Solch ein Preis beflügelt, auf jeden Fall; der Scheinwerferkegel wird weiterwandern, und wir setzen dann im milderen Licht unsere Arbeit fort.

Spielzeit 2025/26: UND WEITER …

… geht die Reise, mit neuen Stücken an Bord: Unsere Mozart-Bearbeitung ‚IDOminiO‘ segelt sozusagen als Flaggschiff voran, das dunkle italienische Märchen vom Land, wo man niemals stirbt‘ bildet mit seinem Gewicht vielleicht den Kiel und hilft dabei, Kurs zu halten.

Was bleibt: Unsere vielen kleinen Minuten-Inszenierungen, aus denen wir für alle möglichen Anlässe und Bühnensituationen immer wieder neue Programme zusammenstellen können, behalten wir im Repertoire.  Insbesondere die Klassenzimmer-Angebote sind damit weiterhin in vollem Umfang möglich. Für unser Programm mit Weltentstehungsgeschichten planen wir allerdings für die kommende Saison Abschiedsvorstellungen – nicht ohne Wehmut.

Was geht? Schon mehrmals angekündigt, und dann doch wieder nachfragebedingt zurückgenommen und zuletzt wegen des Jahresjubiläums 1945-2025 mehrmals gezeigt:  Papier.Krieg kommt nach immerhin 125 Aufführungen zur Ruhe – und damit hoffentlich auch die dort beschworenen Geister des 20.Jahrhunderts.

Was kommt? Wir waren im letzten Jahr viel in der Antike unterwegs: Der Sintflutmythos von Deukalion und Pyrrha, die unglaubliche und hochaktuelle Geschichte von Erysichthon und natürlich IDOminiO da formt sich vielleicht gerade ein kleines Bühnenprogramm: Neuigkeiten aus alter Zeit! – Herzlich willkommen!

Ansichts-Sache

Wir besitzen seit Ewigkeiten einen kleinen Koffer, der sich wie eine Handtasche umhängen lässt, auffällig nicht zuletzt durch sein Alter. Häufig werden wir darauf angesprochen, und in der lokalen S-Bahn kommt dann auch die Frage, ob sich unsere ‚Kleinste Bühne‘ in diesem Koffer befindet. Nein, das tut sich nicht, obwohl die Größe fast indentisch ist. – Über Jahre entstand so die Idee, in diesem (eigentlich nur privat genutzten) Koffer ein kleines Theater einzurichten, für eine kurze Geschichte, die zwischen zwei Haltestellen passt. Immer wieder gab es dann andere Prioritäten, aber jetzt ging es plötzlich ganz schnell: das Stück steht – es dauert nicht mal 2 Minuten, ist eher ein Witz, und dabei voll Lebensweisheit. Also: Augen auf, und nicht nur in der Münchner Linie S 7. Es gäbe was zu lachen, versprochen! (August 2025)

EWIGES LEBEN

Unüberlesbar stehen wir vor der Frage, wie lange wir noch arbeiten und spielen wollen. Mit jedem neugeschaffenem Stück rückt die Anwort darauf wieder ein wenig in die Ferne. Und gerade wird abermals ein neues Stückchen fertig, die Bearbeitung eines norditalienischen Märchens aus der Sammlung von Italo Calvino: DAS LAND, WO MAN NIEMALS STIRBT – Il paese dove non si muore mai.

Ewig zu leben ist ja ein Menschheitstraum, von den frühzeitlichen Mythen bis zur Populärkultur, zu Shangri-La und dem Überdauern im Tiefkühl-Schlaf. Wer’s mag … In unserer Inszenierung zeichnet sich die Geschichte fast wie von selbst: Auf einem anfangs leeren Blatt entsteht eine bilderreiche Graphit-Frottage, und am Ende erwartet dieser seltsame Fuhrmann mit einem Ochsenkarren voll abgetretener Schuhe den jungen Helden, der das verheißene Land doch schon gefunden hatte …   (Juli 2025)

Gebrauchsspuren

Der alte Koffer, der unsrere Requisiten verlässlich zu den Klassenzimmer-Auftritten trägt, ist allmählich in die Jahre gekommen. So wie wir auch. Lohnt es sich, einen neuen anzuschaffen? Oder nutzen wir ihn weiter, bis er auseinanderfällt? Reparieren wir noch einmal daran herum? Einige der Nieten sind längst durch Schrauben ersetzt, ein paar Schwachstellen verstärkt, viele abgewetzte Teile haben wir kaschiert. Und was ist mit uns?

Gelegentlich werden wir unterwegs auf den Koffer angesprochen: „Ein antikes Stück? Wertvoll? Vintage?“ –  Oder doch ein Auslaufmodell? Wir arbeiten jedenfalls an neuen Stücken, und die soll der Koffer bitte noch eine Zeit lang auf die Bühnen bringen. (6/25)