Die Kleinste Bühne der Welt Hedwig Rost & Jörg Baesecke

Aktuelles/Blog

Kleinholz

Wer schon einmal Feuer gemacht hat, und sei es im Kamin, der weiß: Ohne Kleinholz geht es nicht. Unsere Minutenstückchen nennen wir manchmal so, aber auch sie erfüllen ihren Zweck, z.B. beim Theater am Tisch, ‚Petrus und Marilyn Monroe‘, ‚Verfluchte Karibik‘ oder z.B. ‚Gebet um Geld‘ heißen diese kurzen Geschichten, oft nah am Witz und im Handumdrehen aus dem Ärmel gezaubert.

Eine Drittklässlerin aus der Münchner Farinelli-Schule schenkt mir ein kleines Papier-Objekt, einen Hasen, der mit den Ohren wackelt, wenn man an den Vorderpfoten zieht – ganz einfach zu falten. Ein halbes Jahr später ist daraus ein Adler geworden, der eine Maus bei lebendigem Leib verschlingt und davonschwebt. Und dann …

Die Geschichte von Adler und Maus habe ich ebenfalls in einer Grundschule aufgeschnappt, ein Witz, keine hohe Literatur, aber Teil einer lebendigen Überlieferung; Faltung wie Geschichte leben und schweben nun weiter.

Charkow / Charkiv

Was wissen wir über unser Reiseziel? Fragen, Klischees, Halbinformationen begleiten uns auf der Reise nach Charkow/Charkiv, in den Osten der Ukraine: Wie weit ist es bis zu den Kriegsgebieten (ca. 250 km), wie nah zur russischen Grenze (ca. 35 km), wie ukrainisch sieht sich eine mehrheitlich russisch sprechende Stadt? Und wie wird ein Gastspiel in deutscher Sprache aufgenommen?

Wir kommen in eine ansehnliche und auch sehenswerte Metropole, es gibt viele schöne Häuser und Straßenzüge im Zentrum, interessante Bauten, fast mehr SUVs als in München, und kaum jemand ist ohne Smartphone unterwegs. Alles klappt, alles funktioniert, alle Klischees bleiben auf der Strecke. Wir haben zwei Auftritte in Schulen, ja, auf Deutsch, vor 15/16-jährigen, wir können uns verständigen und sehen kaum einen Unterschied zu gleichaltrigen Schülern hier, höchstens, dass es weniger kunstzerrissene Hosen gibt, aber das mag andere Gründe haben.

„Vor 5 Jahren sah es hier noch ganz anders aus“ – so erfahren wir, und wir dürfen staunen, was sich in diesem Land seither getan hat, nach Auflösung der Sowjetunion, Welt-Finanzkrise und Bürgerkrieg (der ja immer noch andauert). „Leb wohl, Vergangenheit!“ – so heißt es auf einem Wandbild von ‚Hamlet‘, dem ‚Charkower Banksy‘. Und man sieht, wie lang der Schatten der jüngeren Geschichte hier dargestellt ist. Auch Patriotismus begegnet uns, aber möglicherweise braucht es den, um Krisen zu überstehen? Und eliminatorisch scheint er hier nicht zu sein. Wir kommen zuletzt durch Viertel, die noch längst nicht so schmuck sind wie die Innenstadt, wir erfahren, dass etwa eine Viertelmillion (!) Bürgerkriegsflüchtlinge in Charkow/Charkiv Aufnahme gefunden hat. Drei Tage sind zu kurz, um hinter Oberflächen zu schauen; wir genießen die Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wird, und auch die Normalität hier, denn so exotisch wie erwartet ist es bei Weitem nicht: Wir sind in Europa. Und als dann nach Landung in München gleich die erste S-Bahn ausfällt, fühlen wir uns schnell wieder zuhause.

Advent, Advent

„Weihnachten muss man üben, sonst klappt es nie!“   Diesen Satz legt  Alexander Kluge in einem seiner Filme dem Titelhelden, dem Starken Ferdinand, in den Mund. Und so werden dann bei ihm im Hochsommer die Vorhänge zugezogen, Kerzen angezündet und eine Probe-Bescherung inszeniert.

Bei uns ist ein kleines (Vor-)Weihnachtsprogramm fertig geworden, mit Hedwig Rost, für Kinder ab 6 Jahren, aber die meisten Stücke daraus lassen sich auch für Erwachsene spielen:

DIE ZEIT STEHT STILL – Fünf Wundermärchen zur Vorweihnachtszeit

Und das, wo wir gerade mit Hitze und sommerlichen Gewittern zu tun haben! Aber wenn die Weihnachtszeit wirklich bevorsteht, ist meist keine Zeit für eine Neu-Produktion. Also lieber jetzt, natürlich in der Hoffnung, dass diese kleinen und stimmungsvollen Stücke dann auch den Weg zu allen finden, die sich in diesen oft als besonders hektisch beklagten Wochen eine kleine Auszeit gönnen möchten.

Hofserenade

Es gibt Dinge und Wesen, die erst im Zwielicht in Erscheinung treten, im Übergang vom Tag zur Nacht – Schemen, Schatten, Traumgestalten. Viele Geschichten nehmen hier ihren Anfang: Rätselhaft und geheimnisvoll weisen sie über die Grenzen unserer Wahrnehmung hinaus.

Hedwig Rost spricht, singt und geigt, mal berührend, mal augenzwinkernd, mit Fingern, dem ganzen Körper, mit Papier, Seidenbildern und einer Laterne.

In einem versteckten Münchner Hinterhof in der Au waren an diesem Abend acht solcher Geschichten zu erleben – Mythen und Märchen, Sagen und Balladen. Weil es doch ziemlich kühl war, fand alles in einem kleinen stimmungsvollen Saal gleich daneben statt. Und das war auch gut, denn überraschenderweise waren so viele Besucher gekommen, dass sie im Freien kaum Platz gefunden hätten. Ein ermutigendes Zeichen für uns – diese kleinen Experimente mit Nicht-Theater-Räumen weiter fortzusetzen.

Herzschlagfinale

Im Juli 2018 hatte Jörg Baesecke seinen Poetry-Slam-Einstand außerhalb aller Wertung, also noch nicht im Wettbewerb. Dafür war die Zeit erst im Mai 2019 reif: Bei der (monatlichen) Kiezmeisterschaft  im Münchner Westend belegte er auf Anhieb den ersten Platz, mit zwei Texten über Wohnungssuchen in München.

Im Juli trafen dann beim Highlander‘ alle Monatssieger der vergangenen Saison zusammen. Jörg trug diesmal einen Text über Gartenparty-Smalltalk in sogenannten besseren Kreisen vor. Und kam auf den 2.Platz; den Sieg hat er an diesem Abend nur denkbar knapp verpasst – das Publikumsvotum (nach Applauslautstärke) erbrachte auch im dritten Anlauf kein eindeutiges Ergebnis. Also musste die Jury noch einmal herhalten.

Ein schöner Abend. Der Sieger – Max Osswald – verteilt am Ende sein Preisgeld. Dass Konkurrenz und Kollegialität zusammengehen können, ist wirklich etwas besonderes. Und macht Lust auf mehr!

Neues pro-bieren

Ein Projekt mit Münchner Grundschulkindern: 3 Stadtsagen in einer kleinen Papiertheater-Inszenierung, aus Anlass des Jubiläums 100 Jahre Freistaat Bayern. Etwas ähnliches hatten wir 2008 unternommen, zum Münchner Stadtgründungsfest.

Diesmal waren 15 Kinder beteiligt, aus allen Altersstufen, also von der 1. bis zur 4. Klasse, eine Woche lang. Nun ist es ja so: Das Kamishibai, das japanische Bilder-Papiertheater, kommt im Grunde mit einem einzelnen Erzähler aus. Also stellte sich die Frage: Wie lassen sich möglichst viele Akteure am Spiel beteiligen, ohne dass es den Fokus auf die kleine Bühne abschwächt?

Wir haben dem Kamishibai Flügel verliehen: zwei zusätzliche Spieler rechts, zwei Spieler links, jeweils mit Bildermappen – und immer bezogen auf die Bühne in der Mitte. Sie reagieren und interagieren mit dem Geschehen dort, sie vergrößern die Geschichte, sie erweitern den Fokus und geben ihn dann wieder ans Zentrum zurück. Außerdem wechselt bei jedem der kurzen Stücke die Besetzung. Bei einem waren sogar acht Kinder beteiligt – da wurde z.B. mit einer Kanone ins Bild hineingeschossen und dann die Bahn der Kugel gezeigt. Treffer! Wobei nicht zuletzt die Silhouettenschnitte zur Wirkung – und zum Gelingen des Projekts – beitrugen.

TRAUMSPUREN

Ein König träumt, er kommt zurück von der Jagd – und findet am Schlosstor einen Fuchsschwanz angenagelt. Das Tor öffnet sich, und er steht vor einer Tür, an der wieder ein Fuchsschwanz hängt. Und so geht es weiter, Tür für Tür.

Niemand vermag diesen Traum zu deuten, so hoch die Belohnung auch ist, die der König verspricht. Schließlich wagt sich ein Hirte an diese Aufgabe; auf dem Weg zur Königsstadt muss er durch ein einsames Bergtal, und dort begegnet er einer Schlange, die bereit ist, ihm die Bedeutung dieses Traums zu verraten …

Eine lange und motivreiche Geschichte schließt sich an, die zunächst wie ein ganz klassisches Märchen anmutet – um dann plötzlich in ein überraschendes Ende umzuschlagen. Ein Ende, das den Hirten und auch uns Zuhörer mit wirklich existenziellen Fragen konfrontiert.

Über die Arbeit an diesem Stoff war bereits weiter unten (>> Zeit.Geist) etwas zu lesen. Nach einem Vierteljahr war das Konzept fertig, der Bau des Bühnenbuchs dauerte noch einmal zwei Monate; Ende Mai 2019 ist das Stück zum ersten Mal gezeigt worden.

4 D

Große Freude über eine Kritik in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG – zu einer Aufführung von ‚Wie die Welt auf die Welt kam‘:

Im Spannungsfeld von Licht und Dunkel entzünden sich die Funken der Fantasie und geben dem Gedanken Kraft: Ja, so könnte es gewesen sein. Oder so. So aber auch … Keinen Satz und keine Geste möchte man verpassen … Für ihre Welten-Geschichte haben Hedwig Rost und Jörg Baesecke den Scherenschnitt neu erfunden und ihm eine dritte und vierte Dimension hinzugefügt … begeisterter, fröhlicher Applaus … Hier der ganze Text.

Schlüsselgeschichten

Zum Jahreswechsel  ist eine neue kleine Geschichte in unser Repertoire gekommen – begleitet von Wünschen und Hoffnungen für die nächste und übernächste Zukunft.

Über Kritzelgeschichten (drawing stories) war hier bereits etwas zu lesen: Geschichten, bei denen das Erzählen zeichnend begleitet wird, meist nur mit einer einfachen Linie – und am Ende ist ein kleines Bild entstanden. Der Reiz dieser Geschichten besteht nicht zuletzt in ihrer Einfachheit, sie laden zum Nach-Machen und Weiter-Tragen ein, sie gehörem nicht dem einzelnen Erzähler oder der einzelnen Erzählerin, sie gehören der Welt.

Schlicht sind sie aber oft nur auf den ersten Blick. Manchmal braucht es einen zweiten, um zu tieferen Schichten zu gelangen – damit das Gebilde überhaupt erst ‚Ge-Schichte‘ wird. Die Prinzessin, die im Wald beim Spielen die Zeit vergessen hat und nun vor verschlossenen Toren steht, hat – ohne es zu wissen – den Schlüssel schon in der Hand. Der eigene Lebensweg hat die Ressource gebildet, mit der sich die Aufgabe lösen lässt. Genau darin liegt oft das Wohltuende und Tröstliche der Märchen: dass Heldin oder Held vor genau die Aufgaben gestellt werden, für die sie zuvor Helfer oder Hilfsmittel gewonnen haben. Diese Erfahrung wünschen wir Ihnen, euch und uns für’s Neue Jahr – auch im wirklichen Leben!

Zeit:Geist

Im Theater fragen uns Kinder oft: „Wie lange habt ihr dafür gebraucht?“ Selten bietet sich eine griffige Antwort: Manchmal gelingt ein Stück fast im Handumdrehen, manchmal dauert es Jahre, bis eine Geschichte auf die Bühne kommt, einiges schafft es auch nicht über den Entwurf hinaus. Die Geschichte vom ‚Affen auf dem Dach‘ war nach einem Vierteljahr fertig, die ‚Reise um die Erde‘ fand nach zwei, drei Tagen ins Ziel, an ‚Salz‘ haben wir ein ganzes Jahr gearbeitet. Aber was ist damit gesagt?

Im Herbst 2000 habe ich eine Geschichte gehört, von Ben Haggarty, die mich nicht mehr losgelassen hat und seither zu meinen Lieblingsgeschichten zählt. Immer wieder habe ich versucht, eine passende Bild-Sprache zu finden. Mats Rehnman aus Stockholm hat mir dazu eine Silhouette geschnitten. Eine Sufi-Geschichte, hörte ich hier, ein armenisches Märchen – sagte man mir dort: Ein König träumt, er kommt von der Jagd zurück und findet am Tor seines Schlosses einen Fuchsschwanz angenagelt. Wer deutet ihm diesen Traum, und was bedeuten seine folgenden Träume? – Letztlich geht es in der Geschichte um Willensfreiheit, darum, in wie weit unser Tun vom Zeitgeist bestimmt ist.

Vielleicht ist jetzt, im Herbst 2018, die Zeit reif. Ungläubig schauen wir in die Welt, was  für ein Zeitgeist da gerade Einzug hält. Und plötzlich hat sich ein Weg aufgetan, die Geschichte auf die Bühne zu bringen und – ja: zu Papier, denn es entsteht nun wieder ein BühnenBilderBuch. Das hoffentlich in diesem Winter fertig wird, sodass ich irgendwann werde sagen können: Mehr als 18 Jahre habe ich daran gearbeitet.  (J.Bae / Nov. 2018.l

Mehr dazu: Traumspuren