Wer in München lebt, begegnet früher oder später den Schäfflern: Alle 7 Jahre tanzen sie vielerorts in der Stadt, zuletzt Anfang 2019. Und jeden Tag stehen hunderte Zuschauer auf dem Marienplatz, um den Schäfflertanz im Glockenspiel des Rathausturms zu verfolgen. Münchens populärstes Figurentheater!
Anfang des 16. Jahrhunderts, so berichtet es die Sage, sind die Schäffler (also die Fassmacher, Küfer, Böttcher) tanzend durch die Stadt gezogen und haben so die Macht der Pest gebrochen, die zuvor ein Drittel der Münchner Bevölkerung ausgelöscht hatte. Alle Bürger hatten sich in ihren Häusern eingeschlossen, aber der Tanz lockte sie wieder ins Freie und spendete neuen Lebensmut. Die Pest, so heißt es, war besiegt, und seither findet in München alle 7 Jahre zur Erinnerung der Schäfflertanz statt.
„Ich muss jetzt oft an die Schäffler denken!“ – Das hören wir im Moment sehr häufig. Alle sind aufgerufen zu sozialer Distanz, und das ist auch sicher richtig. Für uns fallen zur Zeit eine Menge Auftritte aus, ersatzlos. Und Home Office ist in unserem Beruf nur eine sehr begrenzte Option.
Wie also den Lebensmut bewahren? Und womöglich verbreiten helfen? Zu unseren StadtTorHeiten gehört auch die Geschichte vom Schäfflertanz. Wir können sie uns jetzt nur selbst erzählen. Oder damit ins Freie gehen, sobald das zu verantworten ist? Hoffen wir also, dass sich die dunkle Wolke über der Stadt bald auflöst!
War das zu erwarten? Unser kleiner Koffer, 1981 aus dem Sperrmüll in Hamburg-St.Georg gezogen und dann zu einem Theater umgebaut, findet nun einen Platz im Münchner Stadtmuseum, in der Sammlung ‚Puppentheater und Schaustellerei‘. Die Abschiedsvorstellung – bzw. fürs Museum die Willkommensvorstellung – war im Nu ausverkauft, ebenso die für den Folgetag anberaumte Zuzsatzaufführung. Ab dem 10.Februar 2020 wird das gute Stück in der Vitrine stehen – mit dem Bühnenbild des allerersten Stücks
Für die beiden letzten Vorstellungen hatten wir ein Programm aus unseren Anfängen zusammengestellt, alles Stücke, die zwischen 1983 und 1988 noch in Hamburg entstanden sind. Darunter
Im Rahmen einer Sendung über Märchen hat der Bayrische Rundfunk ein kleines Porträt über uns und unsere Arbeit ausgestrahlt, innerhalb der Sendereihe ‚Stationen‘. Zu sehen sind Aufnahmen von einem Bühnenauftritt, einem der letzten, in dem das kleine Koffertheater mitspielt:
Eines der beiden ersten Stücke für unseren kleinen Bühnenkoffer war
Was uns an dem alten Stück nicht mehr gefiel, war der Text. Lang, umständlich, ungeformt, und daran konnten wir deutlich sehen, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Vor allem aber – was wir damals als komisch empfanden, mochten wir heute kaum noch in den Mund nehmen. Und: Es war eine Geschichte für nur einen Sprecher, wie alle unseren ersten Stücke. Wir haben also alles neu getextet und eine Duo-Fassung entwickelt – und zwar für einen Film. Es ist ja so – die kleine Bühne kommt im Februar 2020 ins Münchner Stadtmuseum, mit der Robinson-Szenerie, und neben der Vitrine wird dann dieser Film gezeigt.

Wir kommen in eine ansehnliche und auch sehenswerte Metropole, es gibt viele schöne Häuser und Straßenzüge im Zentrum, interessante Bauten, fast mehr SUVs als in München, und kaum jemand ist ohne Smartphone unterwegs. Alles klappt, alles funktioniert, alle Klischees bleiben auf der Strecke. Wir haben zwei Auftritte in Schulen, ja, auf Deutsch, vor 15/16-jährigen, wir können uns verständigen und sehen kaum einen Unterschied zu gleichaltrigen Schülern hier, höchstens, dass es weniger kunstzerrissene Hosen gibt, aber das mag andere Gründe haben.
„Vor 5 Jahren sah es hier noch ganz anders aus“ – so erfahren wir, und wir dürfen staunen, was sich in diesem Land seither getan hat, nach Auflösung der Sowjetunion, Welt-Finanzkrise und Bürgerkrieg (der ja immer noch andauert). „Leb wohl, Vergangenheit!“ – so heißt es auf einem Wandbild von ‚Chamlet‘, dem ‚Charkower Banksy‘. Und man sieht, wie lang der Schatten der jüngeren Geschichte hier dargestellt ist. Auch Patriotismus begegnet uns, aber möglicherweise braucht es den, um Krisen zu überstehen? – Wir kommen zuletzt durch Viertel, die noch längst nicht so schmuck sind wie die Innenstadt, wir erfahren, dass etwa eine Viertelmillion (!) Bürgerkriegsflüchtlinge in Charkow/Charkiv Aufnahme gefunden hat. Drei Tage sind zu kurz, um unter Oberflächen zu schauen; wir genießen die Herzlichkeit, die uns entgegengebracht wird, und auch die Normalität hier, denn so exotisch wie erwartet ist es bei Weitem nicht: Wir sind in Europa. Und als dann nach Landung in München gleich die erste S-Bahn ausfällt, fühlen wir uns schnell wieder zuhause.

Im Juli 2018 hatte Jörg Baesecke seinen 
