Als unser Buch herauskam, meinten einige Freunde besorgt: „Jetzt verratet ihr ja all eure Geheimnisse!“ – Nun, alles haben wir damals natürlich nicht verraten. Außerdem wussten wir, dass manche der im Buch beschriebenen Dinge, auch wenn sie auf der Hand zu liegen scheinen, doch nicht im Handumdrehen getan sind. Eines aber war uns bewusst: Jetzt geben wir die Geschichten frei. Wir wollten dazu einladen, auch selbst einmal Ähnliches auszuprobieren. Wir fanden die Zeit reif, etwas von den eigenen Erfahrungen weiterzugeben. Angst vor Nachahmern haben wir bis heute nicht.
11 Jahre und eine Neuauflage später tauchen viele der damaligen Fragen wieder auf. So haben wir im Lauf unserer Arbeit viel über Papier gelernt, über das Material, über Schneidewerkzeuge und Klebstoffe, und das nicht nur bühnenbezogen, sondern durchaus auch alltagspraktisch. Ein Tages-Kursus in München „A3, A4 – alles aus Papier!“ schuf nun ein Forum, andere davon profitieren zu lassen. Die Skepsis am Anfang („In den Faschingsferien? Da sind doch alle zum Ski-Fahren!“) wurde gründlich widerlegt: Ausgebucht zwei Wochen nach der Veröffentlichung, also ein zweiter Termin am gleichen Wochenende, ebenfalls schnell ausgebucht, mit Warteliste.
‚Das einfachste Pop-Up der Welt‘, Heften ohne Heftklammer, ein selbstverschließender Briefumschlag, das 2-Wochen-Notizbuch, ein leicht zu bauendes Papiertheater, der Knallteufel, eine Geheimtinte aus dem Wasserhahn, Überraschungsbilder, Papiermechaniken … und all die kleinen Berufsgeheimnisse rund ums Schneiden und Kleben, die anderen vielleicht nervtötende Umwege ersparen können, kamen da auf den Tisch. Aber Verrat? Nie und nimmer. Verrat fühlt sich anders an.
Verraten und Weitergeben – im Griechischen ist das ein und dasselbe Wort. Über das Weitergeben als Glücksfaktor ist an anderer Stelle hier schon etwas veröffentlicht worden. Auch wenn das letzte Blatt hoffentlich noch in weiter Ferne liegt – angesichts eigener Endlichkeit ist es wirklich sinnstiftend und beglückend, etwas von diesem Wissen mitzuteilen, von diesen Schätzen zu teilen. Freuen wir uns auf einen nächsten Kurs!
Wie die Welt auf die Welt kam
Tatsächlich klingt in einigen Geschichten an, dass die Welt irgendwann auch wieder vergehen könnte. Manchmal hat der Schöpfer die Welt nach vollbrachtem Werk verlassen, sie seinen Geschöpfen übergeben. Was ihnen, was uns ja einige Verantwortung auferlegt. Wer heutzutage den Eindruck gewinnt, dass die Menscheit im Begriff ist, sich abzuschaffen, kann da schon ins Grübeln geraten. Eines haben alle diese Geschichten gemeinsam: Sie führen uns die Kostbarkeit der Welt vor Augen, für deren Erhalt sich einzutreten lohnt. Vielleicht trägt auch unser kleines Stück dazu bei – wir würden uns freuen.
Ein neues kleines Stück ist fertig, nach einem japanischen Stoff: Es geht um einen unbesiegbaren Schwertmeister, einen Samurai, der einem Zweikampf lieber ausweicht, als seinen Gegner zu töten – auf die Gefahr hin, dann als Feigling zu gelten. Eine Rittergeschichte, wenn man so will.
Im HeimSpiel war dann aber leider kein Platz für diese kleinen Texte. Doch sollten wir sie wirklich ganz aus der Hand legen? Im Sommer 2017 ergab sich die Gelegenheit, das alles einmal auf die Bühne zu bringen – bei einem Straßentheaterfestival. Das Publikum saß sozuzsagen im Multiplex-Kino und hatte die Wahl zwischen den 5 Filmgattungen. Meinungsbildung, Abstimmung, Stimmauszählung, dann die Vorführung – das hat wirklich Spaß gemacht! Es wäre ja schön, wenn sich wieder einmal eine Gelegenheit dazu ergäbe! Sonst: Einfach fragen, das Spielmaterial ist ja immer zur Hand.
Das Meer aber blieb unerschöpflich: Alles verloren – nach Imre Kertesz, und Cola Fisch, ein Märchen aus Sizilien – siehe unser
So kam das Meer immer wieder auf unsere Bühne; im Rückblick erscheint das fast wie ein roter Faden – oder eher wie ein blaues Band. Und in der Vorausschau? Wir haben noch einiges vor mit unserem Theater, aber eine Idee aus unseren Anfängen beginnt langsam Gestalt anzunehmen: Shakespeares Sturm, sozusagen als Alterswerk. Als Spiel mit der Einbildungskraft. Mit dem Stoff, aus dem die Träume sind. Und vielleicht noch einmal mit einem Papierschiffchen? Wer weiß.

